Springspinne Evarcha Falcata © Dragisa Savic

Sonderheft Spinnen

20.12.2018

Die Menschen haben ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu den Spinnen. Höchste Zeit also, diese kleinen vielfältigen Technikerinnen besser kennen zu lernen. Sie werden staunen, was es da zu entdecken gibt.

Die Spinnen zählen zu den Gliederfüsser. Um zu wachsen müssen sie sich häuten. Sie verständigen sich mit optischen Signalen oder Vibrationen und auf Grund ihrer sehr spezifischen Ansprüche an die Umwelt sind sie gute Indikatoren für die Qualität von Lebensräumen.

Die Spinnen zeichnen sich beispielsweise auch dadurch aus, dass sie zeitlebens Spinnseide produzieren können. Dabei ist Spinnseide nicht einfach Spinnseide. Fangfäden können mit Leimtröpfchen oder mit Fanghaaren versehen sein. 

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Spinnseide – ein ausgezeichneter Werkstoff

Radnetz mit Morgentau © Hubert Höfler Radnetz mit Morgentau © Hubert Höfler

Das Spinnen von Seide ist natürlich nicht nur den Spinnen vorenthalten. Die Seidenspinnerraupen oder die Köcherfliegenlarven können das auch. Der grosse Unterschied ist, dass die Spinnen ihre Seide nicht nur in den Larvenstadien produzieren können, und dass sie gleich mehrere verschiedene Seiden produzieren können. Sehr schön sieht man das beim Kokonbau der Wespenspinne Argiope bruennichi. Zuerst wird ein umgekehrter Becher mit weissem, pergamentartigem Boden und weichen braunen Polsterwänden gebaut. Von unten wird ein gelber Eiballen hineingesteckt, mit Polsterwatte umhüllt und in eine feste, weisse Hülle eingepackt. Das Ganze wird mit mehrfarbiger Seide umsponnen, getarnt und so vor dem Zugriff durch Vögel oder parasitierenden Fliegen geschützt.

Sicherheitsgurten

Die Spinnseide ist im Körper ein flüssiges, kurzkettiges Eiweiss, das nach dem Austritt aus den Spinnwarzen mit ihren vielen Spinndrüsen sofort erhärtet. Das ist besonders wichtig bei den Springspinnen, die bei ihren Sprüngen einen Sicherheitsfaden ausstossen. Dieser erhärtet augenblicklich und kann die Spinne als Notleine auffangen, sollte sie zum Beispiel über eine Tischkante hinausspringen. Das kann man übrigens bei der kleinen schwarz-weiss gefärbten Zebraspringspinne gut beobachten, die man oft auf Garten- oder Terassenmöbeln findet.

Der Traum vom Fliegen

Spinnseide wird auch als Transportmittel benutzt. Dazu steigen bei günstiger Witterung kleine Spinnen auf erhöhte Strukturen wie zum Beispiel am Boden liegende Äste. Dort recken sie ihren Hinterkörper mit den Spinnwarzen in die Luft und produzieren einen langen Faden. Dieser wird von Luftströmungen erfasst und vermag, wenn er lange genug ist, die kleine Spinne fortzutragen. Die Spinne wird so vom Wind transportiert und geht auf eine Reise ins Ungewisse. Fliegende Spinnen können sehr weit getragen werden und wurden sogar schon in 10 000 Meter Höhe festgestellt. Dank dieser Flugfähigkeit gehören Spinnen auch immer zu den ersten Besiedlern von Landflächen, sei dies nach Ausbruch von Vulkanen – oder auf den begrünten Dächern unserer Städte.

Der Technik weit voraus

Wie genau der Übergang von der flüssigen Form der Spinnseide zur festen Form funktioniert, ist nicht im Detail bekannt. Man weiss aber, dass kurzkettige Eiweisse in eine langkettige, feste Form übergehen. Die Eigenschaften dieser Spinnseide sind teilweise extrem beeindruckend: Die Reissfestigkeit ist vergleichbar mit Glas oder Nylon, die Seide hat aber eine viel grössere Elastizität. Je nach Art der Seide kann diese um gut einen Drittel verlängert werden. In einem Radnetz ist das unabdingbar. Man stelle sich vor, das Netz wäre aus feinsten Glasfäden: Bei der ersten Fliege, die hineinfliegt, würde es zerspringen. Dank der Dehnbarkeit gibt das Netz nach, fängt den Schwung der Fliege auf, bremst sie ab und lässt sie am Netz kleben. Ja richtig – kleben, denn die Radnetzspinnen produzieren auch Fangfäden, die mit Leimtröpfchen versehen sind. Andere Spinnen versehen die Fangfäden mit feinster Spinnwolle, in welcher sich jedes Insekt verheddert.

Sparsamkeit

Da Spinnseide aus Eiweiss besteht, ist sie ein wertvolles Nahrungsmittel. Wenn das Netz verstaubt ist und daher nicht mehr fangfähig ist, frisst es die Spinne auf und baut ein neues Netz. Spinnen kennen Recycling schon lange!

 

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